Der Aufzug, der mich zum
Pressecenter der Köln Messe führt, ist zwar nicht
gläsern und durchsichtig wie der des exentrischen
Multimillionärs Willy Wonka in dem Film "Charlie und die
Schokoladenfabrik". Ein überwältigendes Gefühl ist
es trotzdem, dass sich mir nun, ähnlich wie dem kleinen
Charlie aus Tim Burtons Hollywoodstreifen, Türen öffnen
sollen, die den "Normalos" sonst streng verschlossen
bleiben.
Die Rede ist von der 38.
internationalen Süßwarenmesse ISM, auf der in diesen
Tagen 1.675 Aussteller aus 70 verschiedenen Ländern ihre
süßen Innovationen vorstellen. Normalerweise ist das
Vergnügen nur einem ausgewählten Fachpublikum aus
Groß- und Außenhandel zugänglich, aber mit meinem
Jugendpresseausweis ist eine Akkreditierung kein
Problem.
Beim Betreten der ersten
Messehalle bin ich entzückt von der bunten Vielfalt: Hier
strahlt mir ein kreatives Gebilde aus jeder Menge Lampen und
kunstvoll gestapelten Mozartkugeln entgegen, dort ragen einige
meterhohe durchsichtige Säulen empor, mit bunten Bonbons oder
Pralinen gefüllt, und ein paar Stände weiter grinst mich
ein im wahrsten Sinne des Wortes zuckersüßer Winnie the
Pooh aus Marzipan an. Da drüben werden frische Karamelwaffeln
zubereitet und an die Messebesucher verteilt. Und Schokobrunnen
gibt es hier en masse - einer schöner und größer
als der andere.
An manchen Stellen weisen
Schilder ausdrücklich darauf hin, dass die Warenproben nur
für den Handel bestimmt seien. Aber mindestens genau so oft
kommt es vor, dass mich eine junge Dame ein mit Leckereien
gefülltes Tablett reicht und mich mit freundlichem
Lächeln auffordert: "Greifen Sie zu!" oder "Bedienen Sie
sich!" An (fast) jeder Ecke kann also nach Herzenslust genascht und
mitgenommen werden - das erinnert mich ebenfalls an die bekannte
Farbik aus dem Kinderfilm. Eine weitere Parallele: Auch auf der ISM
bekommt der Besucher einige Naschereien geboten, die wirklich
ungewöhnlich und neu sind. So wäre ein Herr Wonka
sicherlich neidisch, wenn er sehen könnte, auf was für
kreative Ideen einige der Hersteller hier gekommen sind: Da gibt es
zum Beispiel die handliche Zuckerwatte aus dem Becher, Schokolade
mit einem sehr intensiven, auf der Zunge prickelnden
Chili-Meersalz-Geschmack,für die Weihnachtszeit essbaren
Schnee aus Oblatenteig und Spekolatius-Botaufschrich aus dem Glas,
Schokoküsse mit Erdbeer-, Kokos- und Bananengeschmack, oder,
oder, oder...
Ein Hersteller aus dem
Münsterland fällt mit einer sehr interessanten Idee auf:
Seine bunt bemalten Eier mit echter Natur-Eierschale sind mit
Nougat, Mousse au Chocolat oder Haselnusscreme gefüllt. Hierzu
werden die Eier erst ausgeblasen und dann mit ihrer neuen
Füllung versüßt. Eine eher "fein-herbe"
Geschmackskomposition verspricht hingegen ein Hersteller aus
Kulmbach, der seine neuen "Bier-Trüffel" vorstellt. Und
passend zum australischen Dschungel-TV-Spektakel sind auch
täuschend echte Fruchtgummispinnen im Sortiment.
Nur die Umpa-Lumpas vermisst man
irgendwie: Jene kleinen und etwas gemeinen Wesen, die in der
Schokoladenfabrik stets ein Spottlied und eine Bestrafung für
denjenigen bereithalten, der bei der Nascherei zu gierig ist.
Schade eigenbtlich - denn nach dem zweiundzwanzigsten
Schokoladenstückchen und dem fünfzehnten Lutschbonbon
könnte ich schon mal allmählich jemanden brauchen, der
mich vom weiteren Probieren abhält. Obwohl: Ein schlechtes
Gewissen brauche ich ja beim Naschen ohnehin nicht mehr haben -
zumindest dann, wenn ich mich nur an den Leckereien mit
Bio-Zertifikat erfreue. Die sind dieses Jahr nämlich besonders
im Trend, erstmals wird auf der ISM dieses Jahr auch eine so
genannte "Bio-Straße" präsentiert. "Wellness, Fitness
und Gesundheit", so heißt es in einer Pressemitteilung der
Köln Messe, "sind ebenso große und wichtige Themen in
der Süßwarenwirtschaft". Genuss ganz ohne Reue also, das
ist die Message, mit der sich die Branche hier präsentiert -
Aber ob ich die nun glauben soll?
Wenn es auf der ISM jemanden
gibt, der Willy Wonka ähnelt, dann ist das definitiv Thomas
Gottschalk, der am Eröffnungstag höchstpersönlich
beim Haribo-Stand vorbeischaut, um eine neue Weingummi-Kreation,
den "Hans Wurst", der dem Firmenchef Hans Riegel aus Bonn (junior)
nachempfunden ist, vorzustellen: Eine markante Frisur, schrille
Kleidung, eine lange Nase und eine auffällige Stimme, die er
quasi pausenlos zum Herumalbern einsetzt. Die Ähnlichkeiten
zwischen Thommy und dem Schokoladenfabrikbesitzer sind schon
erstaunlich. Nur der Hut fehlt, ansonsten stimmt alles.
Herr Gottschalk ist übrigens
nicht das einzige prominente Gesicht auf der Messe: Auch
Nationalspieler Lukas Podolski lässt es sich nicht nehmen,
persönlich die neue EM-Prinzenrolle zu präsentieren.
Nachdem er sich von Radio und Fernsehen interviewen lassen hat,
schreibt Prinz Poldi noch Autogramme. Eine große
Menschentraube versammelt sich um den Bayern-Kicker. Wer jetzt
jedoch laute Fangesänge und "Lu-Lu-Lu-Lukas Podolski"-Rufe
erwartet hat, der wird enttäuscht: Die Autogrammstunde
verläuft eher ruhig und unspektakulär. Vermutlich sind
einfach zu viele Anzugträger anwesend. Nur ein junger Mann
jubelt einmal kurz: "Podolskiiiii!", und wird dafür auch
prompt von seinem Idol belohnt, der ihm einen handsignierten
Fußball zuwirft.
Ein ereignissreicher Tag auf der
ISM neigt sich allmählich seinem Ende zu. Mit gefüllten
Taschen und gefülltem Magen verlasse ich das bonbonbunte
Paradies. Insgesamt bin ich rundum glücklich und zufrieden.
Genauso muss sich wohl auch der kleine Charlie am Ende des Films
gefühlt haben, denke ich mir auf dem Nachhauseweg.